36. KW: Schreibst du auch im Urlaub?

Ich staune immer wieder, wie oft ich nach meinen Schreibgewohnheiten im Urlaub gefragt werde. Gut, die Teilnehmer*innen meiner Kurse wünschen sich verständlicherweise Entlastung: Wenn ich im Urlaub nicht schreibe, können auch sie es guten Gewissens lassen … Aber ich muss diese Hoffnung enttäuschen: Ich schreibe auch im Urlaub – aber anders.

Manchmal mehr („endlich habe ich Zeit!“), manchmal weniger („nur wenn es unbedingt sein muss“), manchmal schreibe ich, wozu ich im Alltag kaum Zeit finde (Tagebuch, Gedichte, Anfänge zu losen Ideen, die mir durch den Kopf gehen). Dieses Jahr habe ich in den Sommerferien viele Seiten einer Geschichte geschrieben, die mich schon lange beschäftigt. Endlich wieder einmal drauflosschreiben. Tagelang schrieb ich so ohne mich darum zu kümmern, wo ich landen würde – und dann war es plötzlich gut. Vorbei. Ohne dass ich es willentlich gesteuert hätte (hätte steuern können), drängte sich zum Ende des Urlaubs wieder mein „eigentlicher“ Text nach vorne, von dem ich mir eine Pause erlaubt hatte. Eine Arbeitspause.

Vor vielen Jahren las ich, dass der frühere Freiburger Fußball-Trainer Volker Finke, der normalerweise sehr viel mit Ball trainieren ließ, unmittelbar vor einem Spiel eine Trainingseinheit ohne Ball durchführte – um die Spielfreude anzustacheln, die schiere Lust auf den Ball. Ich weiß nicht, ob es stimmt, aber daran musste ich denken, als ich schon auf der Rückfahrt im Zug bereits wieder den  Drang verspürte, an dem Text weiterzuschreiben, den ich zwei Wochen zuvor als anstrengend empfunden hatte. Die kurze Unterbrechung hatte ausgereicht, um meine Schreibfreude, meine Neugierde zu wecken – und um wieder wahrzunehmen, wie notwendig es für mich ist, genau diesen Text zu schreiben.

6 Kommentare

  1. Klingt gut. Und ich zeichne als Grafiker (fast nur) im Urlaub, wenn ich entspannt bin, mich auf die Dinge einlassen kann. In diesem Jahr hat es eine Woche gedauert, bis ich angefangen habe, und ich dachte schon, dass es dieses Mal nichts wird, und plötzlich ging es los.

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    1. Moin Axel, das ist ja schön, dass du deine Erfahrungen mit dem Zeichnen hier beisteuerst – vielen Dank! (Ich zeichne ja auch manchmal im Urlaub und habe das Gefühl, dass es für mich wie eine „andere Form des Schreibens ist). Aber vor allem habe ich bei deiner Schilderung daran gedacht, wie unerhört wichtig es im kreativen Prozess ist, nicht die Nerven zu verlieren. Auszuhalten, dass (scheinbar) nichts passiert. Und dann …

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  2. liebe jutta, ich schreibe auch im urlaub, aber auch anders, weil ich ohne laptop o.ä. reise, ich nur auf papier schreibe dann. schön, dass du hin und wieder bloggst, freut mich sehr. ich hoffe, du hast dich gut erholt im urlaub. liebe grüße vom blog nebenan. liebe grüße von der beobachterin

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  3. Liebe Jutta, schreiben ist eben nicht gleich schreiben nicht gleich schreiben … und vielleicht ist es ja auch ein Unterschied, ob es Beruf (=Presseknechtin wie ich) oder Berufung (=Autorin wie Du), also fremd- oder eigengesteuert ist. Ich hab vor einiger Zeit eine Anfrage bekommen, ob ich ehrenamtlich für einen wohltätigen Verein die Pressearbeit machen würde – und obwohl mich das Anliegen des Vereins überzeugt und das ein spannendes Thema ist, habe ich gemerkt, ich will nach Feierabend nicht auch noch das machen, was ich tagsüber tue (zwar gerne tue, aber auch tun muss, weil es mein Job ist). Immer wieder nehme ich mir vor, nur so für mich zu schreiben (z.B. die kleinen Geschichten bei deiner Geschichtenaktion seinerzeit), aber ich merke: eigentlich will ich das nicht. Ich brauche dann etwas anderes als Kontrast, im Urlaub schreib ich nicht mal Postkarten. Daher auch meine Bewunderung für alle jene Schriftsteller, die das in sich haben, dieses Schreiben-wollen. Beste Grüße von Birgit

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    1. Liebe Birgit, das kann ich alles sehr gut nachvollziehen! Und ich habe ja auch viele, viele Jahre lang die bewundert und beneidet, die schreiben „müssen“. Ich wollte gerne müssen, aber ich musste nicht. Und selbst das „wollen“ viel mir schwer. Ich hätte gerne geschrieben – aber ich habe es kaum getan. Ich finde das selbst so verblüffend, weil ich gedacht habe: Das ist so oder so. Die einen „müssen“, die anderen nicht. Aber ganz offenbar kann auch das sich entwickeln, verändern. In meinen Werkstätten sind relativ viele Menschen, die einen langen, eher anstrengenden, Weg zum Schreiben hinter sich gebracht haben. Und dann passiert irgendetwas (die haben eine Idee, die sie begeistert, sie haben ein neues Schreibprogramm für den Computer, sie verabreden sich einmal in der Woche mit jemandem zum gemeinsamen Schreiben – und auf einmal läuft es. Für mich ist das ein wesentlicher Bestandteil des kreativen Prozesses: Herausfinden, unter welchen Bedingungen ich in eine halbwegs mühelose Schreibpraxis finden kann …
      Die halbwegs mühelose Schreibpraxis … Du siehst, du hast mich bei meinem Lieblingsthema erwischt … Ganz viele Grüße und vielen Dank für deine Erfahrungen zum Schreiben im Urlaub!

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