Verrückt oder normal? Geschichten verunglückter Familien

Jutta_cover_tischManchmal wundere ich mich, dass bestimmte Gedanken, Sätze und Themen in meinen Texten (wiederholt) auftauchen, von denen ich noch gar nicht bemerkt hatte, dass sie mich umtreiben, aber noch öfter begegne ich in meinen Texten „alten Bekannten“, die mich begleiten seit (und vermutlich solange) ich denken (schreiben) kann.

Noch immer und immer wieder verspüre ich eine gewisse Notwendigkeit, z. B. von der Verrücktheit scheinbar normaler, aber in Wirklichkeit gravierend verunglückter Familien zu erzählen, wie z. B. in dem Text Es wäre schön,  der dem gleichnamigen, von Axel Stiehler wunderschön gestalteten Heft mit vier meiner Erzählungen den Titel gab.

Und noch immer und immer wieder erlebe ich, wie schwierig es ist, gegen bestimmte „Normalitätserwartungen“ und -überzeugungen anzuerzählen. Das dachte ich, als ich heute den Beitrag Alles ganz normal auf dem von mir sehr geschätzten Blog Fädenrisse las, auf dem ich immer wieder solche dokumentarischen und nicht fiktiven Texte finde, in denen es der Autorin großartig gelingt, von der Absurdität und tragischen Not bestimmter Familien-Verhältnisse plastisch und anschaulich zu erzählen.

17 Comments

  1. Ich habe die Geschichte „es wäre schön“ sehr gerne gelesen. Eines fiel mir auf: die ich-Erzählerin (oder der Ich-Erzähler) spricht, grundsätzlich im „Wir-Modus“, dagegen steht der Ältere als verlorenes „Ich“, das sich mit der Mutter zu verbünden scheint, um nicht allein zu sein. Als ginge ein Spalt mitten durch die Familie – wir hier (die Kleinen) und ihr dort (die Älteren, die Verdächtigen).

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    1. Liebe Gerda,
      und das ist der „Wahnsinn“. Genauso spielt es sich in der Realität ab.
      Eine Frau, mit anders gearteten Kindern, allein gelassen von ihrem Umfeld (Ehemann, eigenen Eltern, Gesellschaft). Ihr zur Seite, steht nur dieses eine “ normal“ vorzeitig, erwachsene Kind……
      Als ich diese und die anderen drei – Geschichten – las, berührten sie mich dermaßen stark, dass ich weinte. Weinte, weil ich machtlos bin, oder besser, erst durch diese Erzählungen, meine Macht zu handeln, erkennen musste.
      Dies ist kein „Büchlein“, was so mal zwischendurch gelesen wird. Es sind Geschichten, die möglich sind, oder möglich sein können.

      Herzlichst
      Monika

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      1. danke dir für diesen Kommentar. Mir geht die Geschichte auch nach, wenngleich ich persönlich keine vergleichbare Situation durchlebt habe. Ich kenne sie aber von Klienten sehr wohl. Außerdem finde ich sie großartig geschrieben.

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      2. Liebe Monika, ich kann nicht behaupten, dass ich schreibe, UM … Ich schreibe. Das hat sich so ergeben. Aber es ist schon so, dass es mir etwas bedeutet, wenn ich erfahre, dass meine Texte andere berühren … Daher danke ich dir sehr für diese Rückmeldung – und wünsche herzlich einen schönen Ostersonntag!

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    2. Vielen Dank für deine aufmerksame Lektüre! In meiner Vorstellung hängt der Älteste tatsächlich „dazwischen“: für die Jüngeren ist er eine „kleine Mutter“, für die Mutter ist er eins der Kinder, die sie vollkommen überfordern. Beide Seiten trauen ihm nicht so richtig über den Weg. Deswegen versucht er, eine Lösung zu finden (in meiner Vorstellung versucht er, der Mutter zu beweisen, dass die Kinder, die Familie nicht wirklich verrückt ist, indem er eine Vorstellung davon inszeniert, wie es aussähe, wenn sie tatsächlich verrückt wären …).
      Es ist schon ein etwas älterer Text, aber ich mag ihn immer noch sehr und freue mich natürlich, wenn er auch bei anderen auf Resonanz stößt!

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      1. Ja, das kommt im Text durch: diese Zwischenposition des Älteren. Gerade dadurch, dass er nicht im „Wir“ der Kleineren eingeschlossen ist, sondern der Brave, Vernünftige ist, der, gutwillig und völlig überfordert, die Katastrophe herbeiführt.

        Er ist der eigentlich tragische Charakter. Denn er, als das älteste Kind, ist prinzipiell für den Zusammenhalt der Familie verantwortlich. Er ist durch seine Geburt in diese Rolle gestellt: aus den Zwei (Frau, Mann) wird ein Dreieck, ein neues System (Familie). Die nachgeborenen Geschwister haben andere Rollen, es sei denn, der erste verweigert sich, flüchtet sich in Krankheit, in Unzurechnungsfähigkeit. Dann muss ein anderer, in der Regel der-die Zweitgeborene die Rolle übernehmen. Zerbricht die Ehe der Eltern, ist das erste Sohn noch einmal mehr gefordert – er muss die Lücke ausfüllen, die der Vater hinterließ, und gleichzeitig die auseinander gebrochenen Elternanteile in sich selbst ausbalancieren.
        (Das sind so Erkenntnisse aus meiner systemischen Beratungspraxis).

        Dein Text hat es in sich. Man muss länger drüber nachdenken, als einem vielleicht lieb ist. Liebe Grüße! Gerda
        …..

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        1. „Gerade dadurch, dass er nicht im “Wir” der Kleineren eingeschlossen ist, sondern der Brave, Vernünftige ist, der, gutwillig und völlig überfordert, die Katastrophe herbeiführt.“ Das trifft es für mich sehr genau – vielen Dank!

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    3. Ich kann das, was Monika in ihrem Kommentar sagt bestätigen. In dysfunktionalen Familien (nicht nur in Suchtfamilen) geht es oft um Verbündete. Divide et Impera ist da genau so ein Mechanismus um das „Skript“ beizube- und das Familiengleichgewicht zu erhalten wie Wenn… dann und Divide et Impera schließt häufig in der ganz normalen Sprache eines Familienmitgliedes „Wir“ statt „ich“ mit ein, weil „Ich“ irgendwann verloren gegangen ist und man auch die Grenzen zwischen sich und anderen vielleicht nicht mehr erkennt. Mein Bruder und meine Mutter zum Beispiel sprechen beide sehr viel in „Wir“-Form und da kann ja der eine ohne den anderen nicht. Er kann nichts ändern weil er sich dann Gefühlen stellen müsste, die er mangels kennengelernter Methoden inadäquavat ausagieren „müsste“, sie kann nichts ändern, weil ihr ganzes Konzept, dass sie ein wertvoller Mensch ist davon abhängt wie es jetzt ist (dass sie es dennoch ist kann sie nicht mehr sehen). Das ist sehr kompliziert. (Ich habe jetzt die zwei als Beispiel genommen, weil, du ja seine Geschichte letztens erst gelesen hast).

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      1. Manchmal wünsche ich mir, dass sich alleine diese Erkenntnis mehr durchsetzen würde, dass es kompliziert ist oder sein kann. Mit großer Selbstverständlichkeit nehmen viele Menschen hin, dass sie noch nicht einmal im Ansatz die biologischen Gegebenheiten ihres Körpers verstehen und denken gleichzeitig, dass sich das Verhalten von Menschen mit wenigen Sätzen plausibel erklären lassen müsste …

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  2. Es gibt Themen, die begleiten uns unser ganzes Leben … das klingt jetzt so nach einem Klischee (denke ich, während ich das schreibe). Aber Familienbande … die Bande der Familie … was, wenn nicht das, prägt uns am meisten? Daher kann man gar nicht genug darüber schreiben … das ist ein immerwährender Klärungsprozess, scheint mir.
    Und: Das Heft sieht sehr schön aus!

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