36: Schreiben ist wie Kochen – es muss nicht immer ein ganzes Menü, eine komplette Geschichte sein

Stellen Sie sich vor, Sie möchten gerne Ihre Kochkünste verbessern. Vielleicht haben Sie Lust, mal ein paar neue Rezepte auszuprobieren oder ein neues Gewürz oder Sie möchten endlich mal Nudelteig selber machen. Eigentlich würden Sie gerne mal ein bisschen experimentieren – aber leider müssen Sie ja immer sofort ein 5-gängiges Menü kochen. Müssen Sie nicht?! Natürlich nicht. Aber genau so verhalten sich viele Menschen, die Lust haben „mal etwas zu schreiben“. Die eigentlich vor allem ausprobieren wollen, ob ihnen das Schreiben vielleicht Freude bereiten könnte. Kaum haben sie einen Stift in der Hand oder sitzen in einer Werkstatt, haben sie den Anspruch, dass etwas Gutes und das bedeutet in aller Regel, eine Geschichte, dabei herauskommen muss.

Das ist so als wolle man, ohne jede Vorerfahrung, ein mehrgängiges Menü kochen oder ein komplexes Gemälde anfertigen oder einen Zehnkampf bestreiten. Ich will nicht ausschließen, dass es Menschen gibt, für die das der richtige Weg ist – aber für die meisten ist er es nicht. Wie viele Skizzen fertigen MalerInnen an, bevor sie „loslegen“? Und wie viele davon kommen uns eher unvollkommen vor?

Immer wieder suche ich daher nach Schreibanregungen, die das „Anfangen“, das Skizzieren in den Vordergrund stellen, die darauf abzielen, dass bei der Lektüre eine Idee aufblitzt. Anregungen, die dazu ermutigen, den Schreibprozeß immer wieder an anderen Punkten fortzusetzen und darauf zu vertrauen, dass in einer solchen Phase des Suchens und Ausprobierens IMMER etwas auftaucht, das weiterzuverfolgen sich lohnt:

 

Ein Café, vielleicht an einer Straßenecke gelegen

Menschen auf dem Weg dorthin oder solche, die schon angekommen sind und nun da sitzen und warten. Oder gerade aufbrechen wollen. Das Café verlassen. Ärgerlich oder beschwingt oder mit ihren Gedanken schon an einem anderen Ort?

Menschen, die etwas befürchten oder erhoffen oder auch solche, die sich langweilen. Ein Mann, der einen Brief liest. Eine Frau, die lustlos in einer Illustrierten blättert. Ist sie des Wartens überdrüssig und beschließt – was zu tun? Und was ist mit dem Pärchen, das sich verliebt an den Händen hält und doch bedrückt wirkt. Und wer sitzt an dem Tisch ganz hinten in der Ecke?

In der Nähe könnte ein Krankenhaus sein, ein Friedhof oder eine Schule. Arztpraxen. Oder vielleicht sieht jemand aus einem vorbeifahrenden Bus das Café und erinnert sich …

Die Idee: Schreibe ein paar Sätze zu einer Person, die sich im Café befindet, befinden könnte. Es braucht keine ganze „Geschichte“ zu sein – nur das, was dir mühelos in den Sinn kommt. Wo kommt sie her, wie sieht sie aus, was könnte ihr durch den Kopf gehen, wo möchte sie hin, könnte sie in Schwierigkeiten stecken oder ein (kleines) Geheimnis haben?
Sobald das Schreiben mühsam wird, kannst du die kleine Skizze beenden oder auch zu einer anderen Figur wechseln …

8 Comments

  1. Pingback: theresa link
  2. Ja sowas haben wir beim Schreibkurs auch gemacht und einmal ware wir auch im Supermarkt und haben versucht unauffällig jemand zu beobachten, war sehr aufregend.. und echt toll was da nachher alles rausgekommen ist, auch wie unterschiedlich die Geschichten/Fragmente waren.

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  3. Liebe madameflamusse, da ich am Wochenende selbst mit einer Schreibwerkstatt beschäftigt war, komme ich erst heute dazu, mich für die Kommentare zu bedanken! Und mir ging es auch gerade selbst wieder so – dass ich sehr begeistert war von der Unterschiedlichkeit der Texte und/oder Ideen, die in der Werkstatt entstanden sind – und von den Überschneidungen, die es erstaunlicherweise auch immer wieder gibt …

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