Geschichten, die wir (nicht) hören wollen – oder: was erzählt uns da eigentlich Hape Kerkeling?

Ich gebe zu, dass es mein „Spezialgebiet“ ist: Geschichten, die nicht erzählt werden (können). Weil sie beschämend sind. Oder unklar. Weil wir sie nicht kennen oder jedenfalls nicht genau. Weil wir Angst haben vor den Reaktionen der anderen. Vor ihrem Unverständnis oder ihrer Angst, vielleicht sogar ihrem Abscheu. Weil wir wissen oder ahnen oder befürchten, dass es nicht einfach wird, wenn wir erzählen, was wir erlebt haben. Weil andere nicht wissen, wie sie darauf reagieren, was sie sagen oder machen sollen. Weil die Situation unklar werden könnte. Schwierig.

Schwierig ist manches im Leben und wir können froh und dankbar sein, wenn und solange wir es nur mit „Schwierigkeiten“ zu tun haben. Sehr viele Menschen haben es mit anderem zu tun, mit dem Kampf ums Überleben. Dem physischen oder dem „inneren“, dem psychischen Überleben, weil Hunger, Verfolgung, Vertreibung, Folter, Misshandlung, Krankheit oder furchtbare Ereignissse eine existentielle Bedrohung darstellen.

Hape Kerkeling hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Der Junge muss an die frische Luft“ und er berichtet darin u.a. vom Selbstmord seiner Mutter. „Gehört sich das?“, fragt im Nordwestradio die Moderatorin den Psychiater Manfred Lütz. Schon die Wortwahl  der Frage ist erstaunlich – noch viel mehr was Herr Lütz (selbst Bestseller-Autor und sicherlich kein ungeschickter „Selbstvermarkter“) darauf antwortet: Er sei enttäuscht von Kerkeling, der bislang verstanden habe, Privates privat zu halten. Gelesen habe er das Buch noch nicht, aber schon jetzt sei er sich sicher, dass das Verhalten Kerkelings ganz sicher nichts „Vorbildhaftes“ besäße – im Gegenteil, wisse man doch, dass die öffentliche Thematisierung von „Selbstmord“ in der Vergangenheit schon oftmals Anlaß für „Nachahmungstäter“ war (Werther, „Tod eines Schülers“).

Ich habe das gestern gehört und seitdem ärgere ich vor mich hin. Weil ich viele Menschen kenne, denen ähnliches widerfahren ist. Die Angehörige durch einen Suizid verloren haben. Oder denen etwas anderes passiert ist, worüber man „nicht reden kann“. Geschichten, die nicht erzählt werden (können). Weil sie beschämend sind. Oder unklar. Weil wir sie nicht kennen oder jedenfalls nicht genau. Weil wir Angst haben vor den Reaktionen der anderen. Vor ihrem Unverständnis oder ihrer Angst, vielleicht sogar ihrer Abscheu. Weil wir wissen oder ahnen oder befürchten, dass es nicht einfach wird, wenn wir erzählen, was wir erlebt haben. Weil andere nicht wissen, wie sie darauf reagieren, was sie sagen oder machen sollen. Weil die Situation unklar werden könnte. Schwierig.

11 Comments

  1. Ein schöner nachdenklicher nachdenklichmachender Beitrag, liebe Jutta! Wachsen, wirklich wachsen können wir wohl erst, wenn wir auch die Geschichten hören und erzählen, die wir nicht hören wollen und nicht erzählen zu können meinen. Hast du das Buch von Hape Kerkeling gelesen?

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    1. Liebe Maren, vielen Dank! Ich habe das Buch von Hape Kerkeling nicht gelesen und ich habe mich auch gefragt, ob ich das nicht erst tun sollte, bevor ich mich dazu äussere. Es wäre sicherlich die bessere, die überzeugendere Variante gewesen. Denn natürlich kann die Form der Darstellung so sein, dass ich (auch) denke: Oh je. Aber auch Manfred Lütz hatte das Buch nicht gelesen und kritisiert nicht das „Wie“, sondern das „überhaupt“. Und ich habe selten erlebt, dass selbst Medienprofis so verdruckst, so tabuisierend („gehört sich nicht“) über etwas geredet haben – in einer Zeit, in der die Grenze zwischen privat und öffentlich an ganz anderen Orten nivelliert und beschädigt wird.

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  2. Danke Dir für diesen Beitrag…das hätte mich auch maßlos geärgert, vor allem auch bei diesem Thema, mit dem ich mich schon aus beruflichen Gründen beschäftigt habe. Nicht das ob des Berichtens, sondern das wie ist wichtig, wenn es um Suizid geht. Wenn die Medien sensationsheischend über den Suizid von Robin Williams schreiben, ohne aufzuklären, ja, dann birgt dieses vielleicht die Gefahr der „Nachahmung“. Aber: Aufklärung, Prävention, Offenheit kann auch verhindern – und deswegen darf das kein Tabuthema bleiben.
    Doch unabhängig von der Thematik – wie dumm ist die Frage „Gehört sich das?“. Danke für Deinen Beitrag und den berechtigten Zorn, der spürbar ist – ich muss diesen Psychiater Lütz mal googeln.

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar! Manfred Lütz hat u.a. das Buch „Irre – wir behandeln die Falschen“ geschrieben. Als ich darin geblättert habe, fand ich es dann allerdings deutlich weniger „subversiv“, als der schöne Titel vermuten ließ …
      Ansonsten hat es mir gestern tatsächlich gefallen, meinen Ärger mal auf dieses Weise „loszuwerden“ – denn im Unterschied zu landläufiger Meinung sind literarische Texte meist ungeeignet um „zu sagen, was ich immer schon mal sagen wollte“ 😉

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  3. ja, kann ich gut verstehen, ist alles ziemlich ärgerlich, ähnlich wie bei „Arbeit und Struktur“, da wird über W.H. auch nur über die Knarre und seinen Selbstmord berichtet. Meine Güte, noch leben wir in einem freien Land und die einzige Verpflichtung, die SchriftstellerInnen haben, ist, das zu schreiben, was sie schreiben müssen oder ist das zu polemisch, ach was, egal…ich werd auf jeden Fall das Buch von Kerkeling lesen,weil´s mich einfach interessiert. Der Herr Lütz ehrlichgesagt weniger, der tritt manchmal als so streng moralisch katholischer „Gscheitmeier“ auf und tut oft so als auf Augenhöhe zu seinen Patienten stehender Psychiatriechefarzt und merkt nicht, daß er dadurch eh schon wieder drüber steht…seis drum, wunderbarer Aufsatz von Dir und wunderbare Kommentare, hab es genossen!

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  4. Ein schöner Text. Ich trage mich auch schon lange mit dunklen Geschichten und überlege wie ich damit umgehen kann. Wie ich Sie schriftlich verarbeiten kann. Ich will die Welt und andere Menschen auch nicht belasten.. naja hab noch nicht so recht gefunden wo der Weg weiter gehen kann.
    Nur für sich zu schreiben bringt da nicht soviel.
    Ich liebe Hape Kerkeling sehr, grade für das tiefgründigere hinter seinem Humor. Und auf das Buch bin ich sehr gespannt. Auch das Jakobswegbuch fand ich so so toll – ich habe mind 4 Bücher über den Jakobsweg gelesen, seins war das beste.

    Ich habe für meine Fortbildung ein Praktikum gemacht in der Suizidpräventionsberatung. Dies war für junge Menschen und es gibt immer lange Warteschlangen, weil nicht so viel Ehrenamtliche dasind um zu helfen wie es Hilfebedürftige gibt. Und es gibt kein Geld das Projekt weiter auszubauen, was ich echt armselig finde für ein Land wie Deutschland. Der Hilfe zu bedürfen ist oft einfach drüber reden können, den Suizidgedanken aussprechen können etc. leider geht es den Jugendlichen an dieser Stelle schon sehr schlecht. Es ist nicht das einzige Thema was tabuisiert wird. Und ich finde es sehr sehr bedauerlich das miteinander reden, ein offenes Ohr finden oder jemand zu haben der einen mal tröstet eine Seltenheit in unserer so netzwerkenden Gesellschaft geworden ist.
    Aber ja wer kein Gefühl mehr für Sich selbst hat wie soll er es für andere haben. Aufjedenfall ist es ein wichtiges Thema! Genauso wie auch der Freitod und vieles Andere. Ich bin immer wieder Dankbar das es Einrichtungen wie die Telefonseelsorge gibt, und das werden viele sein, denn da ist oft besetzt.

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  5. Vielen Dank für deine Gedanken zu diesem Thema und deinen Hinweis, wie wichtig es ist, dass es (unterschiedliche) Möglichkeiten gibt, Hilfe und Unterstützung in bedrängten Lebenssituationen zu finden, wie z. B. bei der Telefonseelsorge!

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