Von Grotten, ersten Sätzen und der langen Weile, die das Schreiben dauern kann

„‚Abgesehen von den Marabar-Höhlen – und sie liegen zwanzig Meilen außerhalb -, gibt es in der Stadt Chandrapore nichts Außergewöhnliches zu entdecken.‘ Mit diesem einfachen Satz beginnt Edward Morgan Forsters Roman ‚Auf der Suche nach Indien‘ aus dem Jahr 1924.“ Mit diesen zwei Sätzen beginnt die Rezension Verena Luekens über die Romanbiographie des südafrikanischen Autors Damon Galgut, veröffentlicht am 06.12.2014 in der FAZ (leider online nicht frei zugänglich ist). Galgut hat den Roman „Arktischer Sommer“ geschrieben, der das Leben E. M. Forsters (1879 – 1970) beleuchtet und dessen Titel bereits eine Leihgabe ist: Mit „Arktischer Sommer“ hatte Forster ein fünfzig Seiten langes Fragment betitelt, das ihm, dem Autor von „Howards End“ und „Zimmer mit Aussicht“ laut eigener Aussage „technische Schwierigkeiten“ bereitete.

„Vierzehn Jahre lang schwieg Forster literarisch. Allein neun Jahre dauerte es, bis er eine Entscheidung traf, was in den Marabar-Grotten passieren sollte. Eine Vergewaltigung möglicherweise. Vielleicht nur eine als unschicklich betrachtete Berührung zwischen einem Inder und einer Engländerin. Oder auch gar nichts Manifestes in dieser Richtung, sondern nur Blicke, Gefühlswallungen, zitternde Knie, feuchte Hände. Das Geschehen, was immer es auch war, bildet das Herzstück seines Romans.“ Dies schreibt Verena Lueken und entwickelt in ihrer Rezension wie diese Höhlen für Forster beides zugleich waren: der Schauplatz einer Romanhandlung, die sich ihm lange Jahre entzog, sowie Ort dramatischer eigener Lebens-Ereignisse.

Forster war 1912/13 selbst in den Marabar-Höhlen gewesen – aber nicht aus touristischem Interesse. Er hatte auf dieser ersten Indien-Reise Massoud wiedersehen wollen, den er in Cambridge kennengelernt hatte – als Lateinschüler. Er hatte die weite Reise unternommen, weil er davon ausgegangen war, dass Massoud seine Liebe (für die Forster vermutlich kaum Worte zu Verfügung standen) erwiderte. Aber das war ein tragisches Missverständnis und Massoud arrangierte die Reise zu den Grotten als eine Art „Trostpreis“ und begleitete den Freund nicht einmal, ja, er stand nicht einmal mit ihm auf. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, wie sich die Wut und Enttäuschung in Forster (und möglicherweise die Erfahrung der Zurückweisung in der Nacht zuvor) zu einem massiven inneren Aufruhr verbanden. Erst in Ägypten (also an einem anderen, aber ebenfalls vom puritanischen England weit entfernten Ort) fand Forster in Mohammed einen Mann, der seine Liebe, sein Begehren erwiderte.

Warum schreibe ich über die Rezension eines Romans, den ich nicht gelesen habe – der die Entstehung eines Romans erzählt, den ich ebenfalls nicht gelesen habe, fragte ich mich selbst – bis mir klar wurde, wie sehr mich diese Geschichte begeistert und berührt. Wie sehr ich mich freue, dass dem mir so weit entfernten Schriftsteller-Kollegen beides gelungen ist: Sich von den bigotten Moralvorstellungen seiner Umgebung zu befreien und aber eben in der Folge auch eine Form für seinen Text, für seine Geschichte zu finden. Und was für eine wunderbare Pointe, welch ein Coup, aus dem Ort einer existentiellen Enttäuschung „nach vielen Jahren und mehreren Versionen zu jenem brillanten literarischen Einfall zu gelangen, das Geschehen in den Höhlen in der Schwebe zu lassen“ (Verena Lueken).