2016 hatte ich mir anders vorgestellt …

2016-12-30-19-05-47-0100Ich hatte ein gutes Jahr. Normalerweise denke ich über mein Leben nicht in „Jahren“ nach. Weder in Kalender- noch in Lebensjahren. Aber dieses Jahr ist manches anders. Vielleicht weil einige Menschen in meiner Umgebung erwähnt haben, wie schwierig und mühsam und manchmal auch niederschmetternd 2016 für sie war, vielleicht weil die politischen Ereignisse und Verwerfungen so verstörend  und deprimierend waren, wie sie waren. Jedenfalls dachte ich in den vergangenen Wochen immer mal wieder: Ich hatte Glück. Ich hatte ein gutes Jahr. Auch wenn ich mir vieles anders vorgestellt hatte:

Im Januar war ich noch fest entschlossen, mir für die Arbeit am neuen Roman die notwendige Zeit zu erobern. Ich wollte unbedingt damit weiterkommen. Und ich wollte mit dem, was ich rund um das eigene Schreiben herum anbiete, also vor allem mit den Kursen und Workshops höhere Honorare erzielen, was konkret bedeutet, einen Teil davon selbst zu organisieren. Ich wollte außerdem mehr Online-Beratung anbieten. Das mit den Honoraren hat überraschend gut geklappt, aber ich bin nicht dazu gekommen, mehr individuelle Schreibberatung anzubieten, weil ich zusätzlich zum normalen Workshop-Betrieb plötzlich in zwei größeren Projekten mit Schüler.innen steckte. Eins davon ist die wunderbare Schulhausroman-Initiative aus der Schweiz.  (Auf der Seite des Bremer Literaturhauses gibt es ein paar schöne Impressionen über meine Arbeit mit einer 10. Klasse der Schule am Ernst-Reuter-Platz in Bremerhaven).

Die Arbeit an meinem eigenen Roman war aber auch von konkurrierenden eigenen Projekten bedroht: zunächst war ich mit Überarbeitungen meines Kinderbuch-Manuskriptes, Ideen rund um den „Geschichtengenerator“ und einem „alternativen“ Schreibratgeber beschäftigt. Als das halbwegs erledigt war, fand ich mich im Verfassen eines Essays über das „Autobiographische“ wieder (den ich dann in einer nochmals geänderten Version hier auf dem Blog veröffentlicht habe). Und als ich diese Überlegungen zu einem vorläufigen Ende gebracht hatte, stellte ich überrascht fest, dass ich endlich eine, wenn auch vage Idee davon hatte, wie ich über meine eigene, mir schon vor vielen Jahren abhanden gekommene (Lebens)-Geschichte schreiben könnte. Damit aus der vagen Idee der Text werden kann, den ich schreiben möchte, musste ich sehr, sehr viel ausprobieren. Neues und schon Geschriebenes miteinander verbinden. Voneinander lösen. An eine andere Stelle bewegen. Neu schreiben. Umschreiben. Lesen. Texte besorgen, auf die ich gestoßen war. Vier- oder fünfmal dachte ich: Jetzt habe ich es! So wird es gehen. Und dann stimmte es doch noch nicht ganz. Blieb für Leser.innen auch an solchen Stellen unklar, die ich klar fand … Dann wieder ein neuer Versuch, ein anderer roter Faden, ein neues Heureka!

Damit war ich in den letzten Monaten in nahezu jeder „freien“ Minute beschäftigt. Was einerseits gut war, aber zugleich auch bedeutete, dass ich irgendwann festellen musste, dass es so auch nicht geht – nahezu ohne Pausen, permanent beschäftigt mit emotional und kognitiv herausfordernden Fragen. Dieser Text, der den sehr vorläufigen Arbeitstitel hat „Wie ich meine Lebensgeschichte (er)fand“, macht mich trotz meiner zwischenzeitlichen Überforderung gerade sehr froh (ich bin gerade wieder einmal überzeugt, jetzt wirklich und endgültig den roten Faden gefunden zu haben, an dem entlang ich erzählen möchte), weil ich auf eine sehr bestimmte Weise weiß, dass ich diesen Text schreiben muss. Da ist es gut, wenn sich der Nebel lichtet.

Aber nicht zuletzt wegen dieser „Lebensaufgabe“ ist vieles zu kurz gekommen und ich bedauere manches davon sehr: Ich hätte einige Menschen in meiner Nähe gerne öfter gesehen oder ihnen zumindest öfter geschrieben und ich hätte auch diesen Blog (und damit den von mir sehr geschätzten Austausch mit einigen Blogger.innen) sehr gerne fortgesetzt. Ich war auch überzeugt, dass mir das zumindest in einer reduzierten Weise gelingen würde. Ist es aber nicht.

Ich habe hier schon öfter über die chronischen  Zeitprobleme von Schriftstellerinn.en und anderen Kreativen geschrieben. Mittlerweile habe ich alles mögliche probiert: ich habe versucht, Arbeit anders zu organisieren, ich habe aufgehört, bestimmte Dinge zu tun und bin eine Expertin im „Nein-Sagen“ geworden, was ich so bedauerlich wie unvermeidlich finde. Ich hoffe sehr, dass es Zeiten geben wird, in denen ich wieder großzügiger mit meiner Zeit umgehen kann, aber für die nächsten Monate ist das leider unrealistisch. Die Frage, wie ich meine Zeit verbringe, wie ich sie aufteile, ist die zentrale Herausforderung meines Alltags und ich muss jeden Tag Entscheidungen treffen, die mir schwer fallen. Mittlerweile glaube ich nicht mehr, dass ich meine Zeit nur besser oder effizienter aufteilen müsste – solange ich so (relativ) viel um das Schreiben herum arbeiten muss, wie es im Moment der Fall ist, wird es sehr eng bleiben. (Diesen empfehlenswerten Beitrag über die Grenzen oder Absurdidäten des „Zeitmanagements“ habe ich kürzlich gelesen: „Why time management is ruining our lives?“

Warum schreibe ich hier so ausführlich darüber? Weil ich möchte, dass die diejenigen, denen ich mich über diesen Blog verbunden fühle, wissen, dass ich unzufrieden bin damit, wie wenig ich in den letzten  Monaten hier geschrieben und vor allem auf anderen Blogs gelesen habe. Weil ich zwar immer noch hoffe, demnächst wenigstens ab und und zu einen kleinen Beitrag zu schreiben, aber eine realistische Chance dafür erst ab April sehe, und weil ich viele kenne, die sich in einer ähnlichen Situation befinden und vielleicht auch denken, was ich lange Zeit gedacht habe: dass man es doch irgendwie alles miteinander hinbekommen müsste: die kreative Arbeit und die (besser) bezahlte Arbeit, der Austausch mit anderen und das „Nachaußentragen“ dessen, was eine/r macht und schließlich das Nichtstun, der Müßiggang, das Tagträumen, ohne das wir nicht lange kreativ sein können. Ich glaube das nicht mehr. Ich glaube, dass wir uns nur durchwursteln können und immer etwas davon zu kurz kommt. Ich werde das als eine Bedingung meines Lebens akzeptieren – ich hatte die meiste Zeit meines Lebens mit komplizierteren Herausforderungen zu tun – viele Menschen haben das.  Ich werde aber auch weiterhin auf die Nachsicht anderer angewiesen sein …

Ich hatte ein gutes Jahr. Ich bin in zahlreichen Werkstätten Menschen begegnet, deren Geschichten, deren Suche nach der richtigen Form für ihre Texte mich bereichert hat. Ich bin dankbar für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde und für die Resonanz, die ich für mein Schreiben und das Schreiben mit anderen gefunden habe. Ich freue mich, wie heiter und respektvoll die Athmosphäre in den Werkstätten durchgängig war.

Ich habe mich gefragt, warum die Aussage, dass etwas anders wäre als gedacht, als erwartet zunächst eine negative Erwartung weckt. Ich bin eine, die gerne weiß, was auf sie zukommt – aber wenn es anders kommt, kann es auch gut sein. Oder sogar besser.

In diesem Sinne ein überraschendes, hoffentlich überraschend gutes 2017!