Der Schwur von Kolvillág – zum Tod von Elie Wiesel

imageGestern, am 02. Juli 2016 starb Elie Wiesel. Ein lesenswerter Nachruf findet sich z. B. in der NZZ.

Erst vor wenigen Monaten las ich von Elie Wiesel „Der Schwur von Kolvillág“. Ich hatte das Buch als Jugendliche gelesen, es hatte mich beeindruckt und beschäftigt wie wenige andere und vermutlich hatte ich die Lektüre, gerade weil und obwohl sie sich für mich mit sehr persönlichen Fragen verband, „vergessen“.

Vor einem halben Jahr fiel es mir dann plötzlich ein, als ich über einige Fragen nachdachte, die Birgit Sätze & Schätze auf ihrem Blog zum Lesen gestellt hatte. Und ich empfand ein Unbehagen angesichts dieses „Vergessens“, als hätte ich einen Freund aus Kindertagen verleugnet.

Ich suchte das Buch im Regal und fand es nicht. Wahrscheinlich hatte ich es irgendwann verliehen und nie zurückerhalten. Ich kaufte es neu und sah der Lektüre gespannt, aber auch etwas besorgt entgegen: Handelte es sich vielleicht um einen Text, der durch eine erwachsene, distanzierte Lektüre von seiner Faszination, seiner Originalität und Klugheit etwas einbüßen würde.

Ich war, als ich dann „Der Schwur von Kolvillág“ erneut las, verblüfft. Von der phantastischen, parabelhaften Geschichte, die Elie Wiesel erfindet, um von den unvorstellbaren Schrecken und Erschütterungen des Holocaust zu erzählen. Von der Tiefe, die die Fragen der „Erzählbarkeit“ darin annehmen und vielleicht vor allem davon, dass ich – mittlerweile erwachsen – von der Lektüre erneut sehr eingenommen war.

Seit ich ihn gelesen habe, kommt es mir ganz seltsam und unverständlich vor, dass dieser Text in seiner erschreckenden Aktualität nicht viel präsenter in der Öffentlichkeit ist. Erzählt wird von einer Kleinstadt, in der Juden und Christen halbwegs friedlich zusammenleben. Dann verschwindet ein Junge. Es ist beklemmend und erzählerisch großartig gelöst,  wie „eigentlich“ niemand wirklich glaubt, dass „die Juden“ dahinterstecken – schließlich ist der Junge von seinem gewalttätigen Vater schon öfter abgehauen. Aber dann schaukeln sich vorhandenes Ressentiment, Verbitterung, Neid und Lust an Randale und Gewalt so hoch, dass die Katastrophe ihren Lauf nimmt.

Wenn ich es richtig sehe, ist das Buch zur Zeit nur antiquarisch zu erwerben, das allerdings mühelos. Ich würde mich freuen, wenn jemand nun neugierig wird auf diesen großartigen Text und ich würde mich ebenfalls sehr freuen, falls jemand seine frischen oder erinnerten Lektüre-Eindrücke hier notiert.

8 Comments

    1. Freue mich sehr über deine Reaktion! Und ich bin gespannt, wie du es liest. Für mich ist es derart speziell und irgendwie auch „aufgeladen“, dass ich weit mehr als sonst an den Eindrücken von anderen interessiert bin … Sehr herzliche Grüße!

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  1. Guten Tag Jutta !
    Ich werde mir das Buch wohl nicht besorgen ; Ich müsste mir die ganze Bibliographie von
    Elie Wiesel besorgen , als Pflichtlektüre , aber ich hab`zu viele Hobby´s und nicht immer Lust
    zum literarischen Durcharbeiten – und hier ist das besonders zäh & fies , wen wundert´s bei
    der braunen Scheissgeschichte dieses Drecksvolkes . Wovor ich Angst habe , ist die allg.
    Dooflust dieser Gesellschaft , die Shoa ad acta zu legen, besonders ,wenn wichtige Zeitzeugen
    wie Shimon Wiesenthal und eben Elie Wiesel nichts mehr sagen können – das liegt mir beson –
    ders schwer im Magen . Vielleicht können wir dazu ja etwas im Zuge der sommerlichen Schreib-
    werkstatt machen !! Die ist mir nämlich seitens der V H S genehmigt worden und da freu´ich
    mich schon drauf !! So , ich muß weiter ; ich verbleibe mit
    FREUNDLICHEN GRÜßEN
    vom Interbahnhof Frank Gottlieb

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    1. Lieber Frank, freue mich wirklich sehr, dass du dabei bist und werde das Buch mitbringen – vielleicht hast du Lust, mal darin zu lesen. Es ist – neben allem anderen – eine sehr packende Geschichte … Viele herzliche Grüße!

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      1. Liebe Jutta(3. Kommentar vom 09. August 2016)!!
        Freundlichen Dank für den Kurzkommentar , aber leider hast Du den Farbfilm(siehe Nina Ha –
        gen ) , äh , ich meine den Elie Wiesel vergessen – macht aber Nichts , kann man ja nachholen –
        im nächsten freundlichen Seminar – viel Spaß beim Suchen der beiden anderen Kommentare
        von mir !! ( Stichwort : Fußball , Freudenburg )
        Die grüße sind dort zu entnehmen , viel Spaß sagt der
        Interbahnhof F. Gottlieb

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  2. Hallo Jutta!
    Ich habe das Buch gestern auf der Strasse (gratis zum mitnehmen) gefunden und bin beim googeln auf deinem blog gestossen. Ich werde es sicher bald lesen, aber im moment bin ich noch bei „nazis und Etrüsker“ und „dimanches d’août“ liebe Gruße,
    joris

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