FullSizeRender 20Etwas, auf das ich nur noch selten reinfalle, ist der Gesichtsausdruck von Menschen, die gerade eine Schreibanregung erhalten haben. Von mir erhalten haben. Und die dann, manchmal verzweifelt, oft ratlos aussehen. Deren Ratlosigkeit von Verständnislosigkeit geprägt sein kann („Was um Himmels Willen sollen wir jetzt machen?“) oder auch von Unwillen („Wo bin ich hier gelandet?). Es ist nicht so, dass es mir mittlerweile überhaupt gar nichts mehr ausmacht in diese verzweifelten Gesichter zu sehen. Aber es ist so, dass ich weiß, wie es weitergeht. Nicht manchmal oder meistens. Immer. Na gut – fast immer.

Fast immer ist es so, dass ich die verzweifelten Gesichter bald schon deswegen nicht mehr sehe, weil sie nicht mehr da sind. Sie haben nicht den Raum verlassen, sie haben ihre Köpfe gesenkt, wie man es tut, wenn man schreibt. Sie sitzen und schreiben und sehen kaum einmal auf. Sie sind nicht mehr verzweifelt, aber taub. Jedenfalls reagieren sie nicht. Ich räuspere mich, ich sage in der angenehmsten mir möglichen Tonlage, dass die Schreibzeit (selbstverständlich entsprechend der Ankündigung) sich dem Ende nähert. Das Ende erreicht hat. Überschritten. Ich sage dann immer, dass es weniges gibt, das mich so unglücklich macht, wie schreibende Menschen in ihrem Tun zu unterbrechen – nichts passiert. Wirklich! Es ist unglaublich, in was für Zombies sich absolut höflichkeitsbegabte Menschen verwandeln, wenn sie einmal Fahrt aufgenommen haben, wenn sie die Schreiblust gepackt hat.

Nun haben die Menschen in diesem Raum zwei Vorteile auf ihrer Seite: Sie haben einander und damit eine sich im Raum immer neu aufladende Schreibenergie und sie haben nicht allzu viel Zeit. Beides hilft vermutlich.

Warum ich das erzähle? Weil ich überzeugt bin, dass wir auf dem Weg zu einer Schreibidee oft durch ein paar ziemlich ungemütliche Momente hindurch müssen, in denen wir mit der Möglichkeit konfrontiert sind, dass uns nichts einfällt und vermutlich auch nichts einfallen wird. Niemals. (Wie es der Zufall will, hat Herr Hund gerade einen wunderbaren Text darüber geschrieben, wie es ist, wenn jemandem nichts einfällt.) Vielleicht fühlen wir uns wie die phantasielosesten Menschen, die in der langen Menschheitsgeschichte jemals das Licht der Welt erblickt haben. Wir sollten das also nicht zu ernst nehmen …

Und ich erzähle davon, weil morgen eine ganz reale Schreibwerkstatt stattfindet. Vielleicht werden sich dort zwei Menschen begegnen, die sich zunächst nicht erkennen? (Das steht nämlich heute auf der ausgewählten Karte: „Ich habe dich nicht erkannt!“)

Weil sie sich so verändert haben? Oder nur eine/r von beiden? Hat die Sehkraft nachgelassen oder ist es dunkel? Ein Stromausfall? (Oh nein!) Ist es immer unangenehm, jemanden nicht zu erkennen oder kann es auch ein lachender Ausruf sein: „Was ist denn mit dir passiert? Ich habe dich zuerst gar nicht erkannt!“Gibt es Orte, an denen wir jemanden so wenig vermuten, dass wir sie oder ihn nicht erkennen würden? Oder liegt es mal wieder an unserer Unaufmerksamkeit?

Schreibanregungen, so wie ich sie verstehe, sind immer auch eine Einladung, „andersrum“ zu denken oder zu suchen. Vielleicht ist die „erkannte“ Person gar nicht die, die sie zu sein scheint. Oder statt sie anzusprechen, flieht jemand, weil er oder sie vermutet, das ist ja …

Ich freue mich heute ganz besonders über Unvollkommenes. Über Anfänge oder lose Sätze. Über erste vage Ideen. Und – na klar – über richtige Geschichten freue ich mich auch …

Hier gibt es den „kompletten Geschichten-Generator“ und wer die Kategorie „Geschichtengenerator“ anklickt, kann sich einen Eindruck davon verschaffen, wie unfassbar viele tolle Geschichten und Ideen in den letzten Wochen schon entstanden sind.