(38) Elke Erb: 5-Minuten-Notate

Der naseweise Hinweis, es sei immer genug Zeit zum Schreiben vorhanden, man müsse sie sich nur nehmen, zielt manchmal ins Zentrum des Problems und oft daneben. In „schreibarmen“ Zeiten versuche ich mir zumindest kleine Schreibräume zu verschaffen. 5 Minuten oder 10 oder vielleicht sogar 15. In der Bahn oder nach dem Aufstehen oder auf einer Bank auf dem Weg von einem Job. „Irgendetwas“ schreiben. Was ich sehe oder häufiger, was mich umtreibt. Mich erfreut, ärgert oder erstaunt. Fragen. Listen. Wenn gar nichts zu gehen scheint: Eine Liste der Worte, die mir gerade in den Sinn kommen.

Am vergangenen Samstag las ich in der FAZ im Rahmen der „Frankfurter Anthologie“ erstmals von den 5-Minuten-Notaten der Lyrikerin Elke Erb. Abgedruckt war ihr Gedicht „Ordne etwas“:

Ordne etwas

Ordne etwas, ordne den Fahrradschuppen. Er faucht. Hör.
Ein überirdischer Keller. Gehobener Stand. Sonnenbeschienen.
Was an dieser Wendung ist falsch. Erörtere.

Es wird zu heiß. Die Jacke jetzt ausziehen. Sofort.
Zwölfe machen das Dutzend voll. Benennen. Ordnen.
Daß Du hast, wie Du den Fuß hinsetzt.

Nämlich nicht wie ein Fuchs: schlicht schleicht.
Feiner Fuchs. Schleicht. Kämme dein Haar,
es richtet sich nach dir.

Unter dem Titel „Fragen an einen sitzenden Dichter“ gibt Elke Erb zunächst Auskunft über den Entstehungsprozess: „Das Gedicht ist eins von mehr als vierhundert aus meinem Buch „Sonanz“. Unter „Sonanz“ steht: 5-Minuten-Notate. Das bedeutet, es ist aus 5-Minuten-Notaten entstanden, und zwar so: Über etwa drei Jahre hin habe ich nahezu täglich ohne inhaltliche Vorgabe, nur mit dem Datum darüber, fünf Minuten lang notiert, was mir in den Sinn kam. Aus dem unterschwelligen Ich. Tun Sie das auch. Sie werden überrascht sein. Ein Wort nach dem andern, rasch hintereinander. Die Gedichtstrukturen ergaben sich von selbst.“

Und tatsächlich ist es verblüffend, in welcher Nähe das ursprüngliche „5-Minuten-Notat“, das ebenfalls abgedruckt ist, sich bereits zu dem später veröffentlichten Text befindet. In einem weiteren Schritt eröffnet Elke Erb den LeserInnen einen Zugang zu ihren Gedanken. Daraus hier nur diejenigen,  die sich auf  die erste Zeile des Textes beziehen:

„Fahrradschuppen“.  Schuppen: ein einfacher Bau beim Haus zum Unterstellen von Geräten, Fahrzeugen. (Ich habe nicht real einen Fahrradschuppen, er ist erfunden, aber er ist ein Wort für Ähnliches derart).
„Er faucht“. Vom Optischen (dem Anblick der Unordnung) ins Akustische übertragen. „Hör“.

Ich habe das mit großem Interesse gelesen (mich manchmal auch gefragt, warum ich einen Bezug nicht lesen konnte, denn ich dann als so naheliegend empfand …) und habe eine neue Bezeichnung für das gefunden, was ich so lange schon schreibe: 5-Minuten-Notate. Und dann geschah etwas, das ich hier noch aufschreibe, weil es vielleicht dem ein oder anderen Leser, der ein oder anderen Leserin auch so gehen könnte: Durch die Lektüre motiviert, diesen kurzen Notizen mehr Raum einzuräumen, passierte zunächst: Nichts! Obwohl mich sonst nur die Aufforderung, in „Gästebücher“ zu schreiben an den Rand einer Schreibblockade zu bringen vermag, wollten sich keine Sätze, noch nicht einmal Worte einfinden.

Was war passiert? Ich hatte durch meine Begeisterung für Elke Erbs „Ordne etwas“ einen Blickwinkel eingenommmen, der nicht meiner war. Nicht sein konnte. Ich musste mich erst ein wenig schütteln. Umsehen. Meinen Blick auf die Welt, vor allem auf die Menschen finden. Und dann konnte es wieder losgehen  …

Ein  ausführliches Interview mit Elke Erb ist hier zu finden: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article122399491/Es-ist-Leben-konkret-nicht-Spielerei.html

Elke Erb: „Sonanz“. 5-Minuten-Notate. Urs Engeler Edition. 2008

Diesen Beitrag habe ich am 02.08.2014 veröffentlicht und jetzt wieder hervorgeholt, weil in dieser Woche bekannt wurde, dass Elke Erb in diesem Jahr endlich den Georg-Büchner-Preis erhält.

Die Zeitschrift Merkur gratuliert Elke Erb mit der Freischaltung eines Beitrags, der mehrere Gedichte der 82jährigen Autorin und Übersetzerin enthält und dieser Film von Frank Wierke bietet die Möglichkeit, die Autorin im Gespräch kennenzulernen:

Filmausschnitt Elke Erb

Ich freue mich auf Eure Gedanken, Anregungen und … Listen?!