(39) Nach einer wahren Geschichte, oder: „Ist das autobiographisch?“

Vor wenigenTagen habe ich meinen Text Wie ich Schriftstellerin wurde. Geschichte einer Hochstapelei bei zwei Veranstaltungen des Bremer Kultursommers gelesen. Der Text endet mit dem Satz:“ Mit dem Erscheinen der Wiederholte Verdächtigungen konnte es auch für mich keinen vernünftigen Zweifel mehr daran geben: Aus der bemerkenswert phantasielosen Person, die ich den größten Teil meines Lebens gewesen war, war eine ganz normale Schriftstellerin geworden …
Diese halbwegs normale Schriftstellerin, erzählte ich den Zuhörer:innen, konnte sich viele Themen und Stoffe, viele Genres und Textsorten für noch zu schreibende Texte vorstellen, eines schien mir allerdings ausgeschlossen: Dass ich jemals einen autobiographischen Text wie diesen verfassen würde, den ich gerade vorgelesen hatte …
Wenn es sich nicht um mein reales Leben, sondern um eine erfundene Geschichte handeln würde, käme es mir vermutlich ein bisschen gewollt vor, dass es gerade Frage nach den autobiographischen Hintergründen meines Romans war, dass es die Ratlosigkeit war, in die ich daraufhin geriet, die mir überhaupt erst die Entdeckung bescherte, wie viele Fragen es gab, die ich nicht oder nicht gut beantworten konnte.
Während ich noch darüber nachdachte, wie das sein konnte, während ich mich fragte, was denn überhaupt der Grund für diese tiefe Ratlosigkeit war, erschien im Internet eine Leserrezension der Wiederholten Verdächtigungen mit der Überschrift: „Der Mann, der sich nicht kennt“ und ich hatte die Zeile kaum zu Ende gelesen, da dachte ich schon: Das bin doch ich – ich bin die Frau, die sich nicht kennt! Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, mich so zu beschreiben, aber ich verstand plötzlich die Absurdität, die Unmöglichkeit meiner Situation: Wie sollte ich Auskunft geben über mich, über mein Schreiben, wenn doch gerade das „mein Thema“ war – nicht so umstandslos über eine (Lebens-)Geschichte zu verfügen wie die meisten anderen Menschen? Erzählten die Wiederholten Verdächtigungen nicht genau davon? Wie elegant hätte ich mich im Gespräch mit der Journalistin aus der Affäre ziehen können mit einem Hinweis auf den Klappentext, auf dem zu lesen war, dass dieser Roman von Menschen erzählt, „die sich oder anderen keine Auskunft, keine Antwort geben können – über sich selbst.“ Mit einer gewissen Logik hatte der „autobiographische Hintergrund“ meines Textes verhindert, dass ich über ihn Auskunft geben, dass ich ihn überhaupt klar und deutlich erkennen konnte.

„Ist das wirklich so?“, fragte eine Zuhörerin. „Ist das Interesse an den Überschneidungen von Text und Leben wirklich so groß bei Leser:innen?“ Das war eine leicht zu beantwortenden Frage: Ja, das ist es. Ich habe noch keine Lesung erlebt, bei der diese Frage nicht früher oder später gestellt worden wäre. Dabei können ganz entgegengesetzte Untertöne diese Frage begleiten: Für manche Fragesteller:innen scheint erst das selbst Erlebte den Text zu „beglaubigen“, während andere umgekehrt einen Makel darin sehen, wenn das Erzählte nicht erfunden ist, als wäre es dann dem Leben bloß „abgeschrieben“. Immerhin in einem Punkt scheint Einigkeit zu bestehen: wann wir es überhaupt mit autobiographischer Literatur zu tun haben. Aber das ist ein Irrtum und um ihn zu illustrieren, habe ich eine Schriftstellerin erfunden, die auf ihrem abendlichen Spaziergang für einen Augenblick ein Gefühl großer Verlorenheit empfindet. An den Schreibtisch zurückgekehrt, erwägt sie keinen Moment, dieses Gefühl einer Frau auf ihrem abendlichen Spaziergang zuzuschreiben, sondern sie sucht nach Bildern, nach Figuren, mit denen sie davon erzählen kann. So erzählen kann, dass Leser:innen sich eine Vorstellung machen können.
Vielleicht erfindet sie ein Kind, das sich verlaufen hat, oder einen alten Mann, der weiß, dass er das Grab seiner Frau ein letztes Mal besucht. Vielleicht findet die Szene Eingang in den Roman, den sie gerade schreibt und ihr wird die Frage gestellt, ob sie „das“ erlebt hat? Hat sie? Was ist „autobiographischer“: Die minutiöse, detaillierte Schilderung ihres Spaziergangs einschließlich des Hinweises auf einen „kurzen verstörenden Moment der Verlorenheit“ oder ein Text, in dem niemand auftaucht, der auch nur entfernte Ähnlichkeit mit ihr aufweist, der aber von ihrem Gefühl so erzählt, dass er in unterschiedlichen Leser.innen eben dieses Gefühl der Verlorenheit evoziert?

„Diese Geschichte habe ich erfunden, um zu erzählen, wie es war“ stellt Eugen Ruge seinem Roman Cabo de Gata voran und Jonathan Franzen bezeichnet in seinem Essay Über autobiographische Literatur zunächst allein solche Texte als autobiographisch, bei denen „die beschriebenen Geschehnisse denen des Autors im wirklichen Leben gleichen“, um unmittelbar danach darauf hinzuweisen, dass seine eigenen Texte, die in diesem eben genannten Sinn keinesfalls autobiographisch seien, gleichzeitig „extrem autobiographisch“ wären – und steigert diesen Widerspruch zum programmatischen, „wichtigen Paradox: Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen Leben.“

Vor vielen Jahren kam ein älterer Herr nach einer Preisverleihung, bei der ich den prämierten Text vorgetragen hatte, auf mich zu. Er wolle mir gerne persönlich gratulieren, sagte er und dass er sehr berührt sei von der Geschichte – er habe genau das Gleiche erlebt. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er glauben, es sei seine eigene Geschichte. Aufgeregt stand er vor mir und konnte das Ausmaß an Überschneidung kaum glauben. Auch ich war überrascht, immerhin gab es in dem Text einen Banküberfall mit mehreren Toten. Dann erzählte er seine Geschichte und was mich dann wirklich verblüffte, war, dass es mir beim besten Willen nicht gelang, überhaupt irgendeine Ähnlichkeit zwischen der von ihm daraufhin recht ausführlich vorgetragenen Lebensgeschichte und meinem Text auszumachen.

Als ich es erlebte, kam mir diese Episode wie eine kleine skurrile Begebenheit vor, heute beschreibt sie für mich sehr zutreffend den Reiz und die ganz besonderen Möglichkeiten, die literarische Texte besitzen: Sie erlauben es uns, Erfahrungen zu teilen. Erfahrungen, die anders waren und zugleich sehr ähnlich – denn darum geht es ja immer in der Literatur: dass sich im Besonderen das Allgemeine spiegelt. Deswegen sind Texte uns „auf unerklärliche Weise oft näher als selbst vertraute Personen“ schreibt Wilhelm Genazino und glaubt, dass aus diesem Gefühl der Nähe, des Verstandenwerdens die Vorstellung entsteht, „die Verfasser selber verwahren die Schlüssel zu den Geheimnissen, die uns bewegen und beunruhigen.“

Vor einiger Zeit bat mich eine befreundete Autorin um die kritische Lektüre eines Textes. Mein Eindruck fiel sehr positiv aus, aber irgendetwas beschädigte die Glaubwürdigkeit einer der Figuren. Im Gespräch stellte sich heraus, dass es die beiden der Realität entnommen „Splitter“ des Textes waren. Kaum jemand, der schreibt und diese Erfahrung nicht bereits gemacht hat. Auch Glaubwürdigkeit oder „Authentizität“ sind immer auch etwas „Gemachtes“ oder „Hergestelltes“, sie entstehen nicht automatisch, nur weil jemand „über sich selbst schreibt“.

Es gehört zur Magie des Lesens, dass die Fiktion uns zur Realität werden und uns umgekehrt das Realistische, das Wahre, als erfunden, als unglaubwürdig vorkommen kann und es gehört daher zum Kern schriftstellerischer Praxis bei Leser:innen genau diesen Eindruck hervorzurufen: dass es sich genau so zugetragen hat, wie es da geschrieben steht. Seit Jahrhunderten spielen Autor.innen mit ihren Leser.innen Katz und Maus, ersinnen immer neue Listen, oder Möglichkeiten (postmoderner) Verwirrung.

Wir sprachen am Sonntag noch eine Weile über diese Themen. Rätselten, woran es liegt, dass sich die Frage nach dem selbst Erlebten oft in unsere Lektüren drängt, selbst wenn wir sie „eigentlich“ gar nicht stellen wollen, wenn wir uns gar nicht dafür interessieren wollen, wenn es uns vielleicht sogar absurd vorkommt. So ist es mir selbst zum Beispiel auch gegangen, als ich das Buch Nach einer wahren Geschichte der französischen Autorin Delphine de Vegan las. Es ist die Geschichte einer Autorin, die in eine existentielle Lebens- und Schaffenskrise gerät, weil die Grenzen zwischen Text und Leben immer diffuser werden, weil sie immer weniger einschätzen kann, was von den Überzeugungen ihrer neuen Freundin zu halten ist, die sie mit großer Beharrlichkeit drängt, den Bereich der Fiktion vollkommen aufzugeben: „Die Handlung? Meinst du das ernst? Du brauchst keine Handlung, Delphine, auch keine fiktiven Schicksalswendungen. Du stehst inzwischen darüber, das musst du endlich einsehen.“ Delphine … Hatte die Autorin womöglich selbst etwas Ähnliches …

Ähnlich. Eindeutig. Identisch. Etwas ist ähnlich und doch anders. Es sind manchmal folgenschwere Verwechslungen, in die das Reden über das Autobiographische schnell gerät. Wenn wir über uns selbst schreiben, kann das einer bewussten Absicht, einer inneren Notwendigkeit folgen oder es können sich unbemerkt Fäden hinter dem Rücken unseres Bewusstseins in unsere fiktiv gedachten Texte einweben. Manchmal irren wir uns über die Motive unseres Schreibens, manchmal erzählen die Leerstellen unserer Texte mehr über uns als die Zeichen, die sie enthalten. Ob ein Text autobiographisch ist und auf welche Weise, ist also eine selten einfach zu beantwortende Frage …

Ich freue mich über Kommentare, Gedanken und Fragen!

6 Kommentare

  1. „Je größer der autobiographische Gehalt im Werk eines Schriftstellers, desto geringer die oberflächliche Ähnlichkeit mit seinem eigenen Leben.“ Ein starker Satz, über den man lange nachdenken kann. Ebenso wie:

    „Auch Glaubwürdigkeit oder „Authentizität“ sind immer auch etwas „Gemachtes“ oder „Hergestelltes“, sie entstehen nicht automatisch, nur weil jemand „über sich selbst schreibt“.

    Das ist für mich ein äußerst interessanter Beitrag !!! vielen Dank.

  2. spannender text mit vielen interessanten gedanken, liebe jutta. auch dieses fragen nach: ist es biographisch oder nicht und die unterschiedlichen reaktionen darauf (mit dem „nur abgeschrieben“) fand ich interessant. eine verständnisfrage habe ich und zwar zu diesem satz von dir (weit oben): „mein Thema“ war – nicht so umstandslos über eine (Lebens-)Geschichte zu verfügen
    was bedeutet „umstandslos über eine lebens-geschichte zu verfügen“?
    der part mit der bankräubergeschichte hat mir außerordentlich gefallen. 🙂

    1. Was es bedeutet, nicht so umstandslos wie andere über eine Lebensgeschichte zu verfügen – das ist das Thema meines nächsten Buches und es gibt eine Reihe von ganz unterschiedlichen Ursachen, warum das der Fall sein kann: weil jemand nicht (so richtig) weiß, was ihr oder ihm widerfahren ist und es zwar weiß, aber es dennoch in seiner Bedeutung nicht erfassen kann oder sich irgendwie auf eine gravierenden Weise „irrt“ über sich selbst oder das eigene Leben. Das alles kann dazu führen, dass Menschen mit einer großen Ratlosigkeit auf die eigene Vergangenheit blicken und sie nicht als eine halbwegs konsistente Geschichte erzählen können. Und je länger ich mich damit beschäftige, desto klarer ist mir geworden, wie sehr Lebensgeschichten vor allem Geschichten sind – und nicht die ausformulierten Lebensläufe, als die wir sie uns oft vorstellen. Es ist ein großes komplexes Thema und ich habe sehr viele Anläufe nehmen müssen, aber jetzt fügt sich vieles und ich bin ganz zuversichtlich, dass es ziemlich genau der Text wird, den ich schreiben wollte … Und ja: die Bankräubergeschichte – die mag ich auch sehr 😉

Ich freue mich über Kommentare!

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