(28) Auf sich selbst wie auf eine Figur schauen

Wir könnten immer auch anders über uns schreiben. Andere Ereignisse auswählen oder eine andere Perspektive einnehmen. Was und wie wir über uns schreiben, ist immer nur eine Variante aus einer Vielzahl von Möglichkeiten. Aber obwohl wir das wissen, obwohl es keinen Zweifel daran geben kann, fällt es uns in der Regel sehr schwer oder ist es uns sogar unmöglich, unsere Lebensgeschichte anders zu erzählen, als genau so, wie sie uns gerade im Moment (einzig richtig) vorkommt. Es fällt uns schwer, das abstrakte Wissen von den alternativen Erzähl-Möglichkeiten in die Tat umzusetzen.

Was uns auch oft schwer fällt: Uns selbst als als tatkräftige Protagonist:innen der eigenen Geschichte in Szene zu setzen. Auch wenn es ein Gebot der Logik scheint, dass niemand anderes als wir allein die Hauptpersonen unserer Lebensgeschichte sein können, kollidiert diese banal anmutende Tatsache mit der tief in uns verankerten Forderung nach „Bescheidenheit“. Wir wollen uns nicht zu wichtig nehmen oder gar in den Vordergrund drängen – aber genau das müssen wir tun, wenn wir von uns und unserem Leben erzählen wollen.

Wie wäre es, wenn Ihr Euer Leben mal als eine „Heldenreise“ erzählt, habe ich vor längerem die Teilnehmer:innen einer Werkstatt zum Autobiographischen Schreiben gefragt. Sie sahen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Ausgeschlossen! Nur so, als einmaliger Versuch, als Lockerungsübung, versuchte ich sie – ganz entgegen meiner Gewohnheit – zu überreden. Am Ende war es nur einer, der wirklich (und zur Begeisterung aller) eine Geschichte vortrug, in der er als „Held“ auftrat. Ein wunderbarer Text, komisch und klug zugleich. Als ich den Autor des Textes Monate später bat, seine „Heldengeschichte“ in einer anderen Werkstatt vorzulesen, war der Text „verschwunden“, ließ sich trotz ernsthafter Bemühungen nicht mehr finden, wiederherstellen. Versehentlich hatte der Autor ihn gelöscht, als wäre ihm sein scheinbar „frecher Mut“ dann doch nicht mehr ganz geheuer, trotz der Freude, die er, die wir alle an diesem Text hatten.

Ich bin mittlerweile überzeugt, dass eine wesentliche Herausforderung des autobiographischen Schreibens in der Schwierigkeit besteht, mit dem ungeheur umfangreichen „Material“ des eigenen Lebens zu „spielen“. Fast jedes Leben lässt sich als eine Geschichte des Scheiterns, des Misslingens, der Versäumnisse oder des Verlustes erzählen. Und nahezu jedes Leben lässt sich als eine Geschichte des Gelingens, des kleinen oder größeren Triumphes, des am Ende „irgendwie“ erfolgreichen Kampfes gegen Widrigkeiten erzählen. Ich halte es für eine gute Idee, wenn wir uns einmal vorübergehend als „Figur“ betrachten. Eine Figur, deren Treiben wir mit einem neugierigen Interesse aus weiter Ferne (vielleicht von einem anderen Planeten) verfolgen können. Was macht sie da?, könnten wir uns fragen. Und statt dieser Frage den üblichen kritisch-vorwurfsvollen Unterton zu geben, könnten wir zur Abwechslung auch mal mit einem freundlich belustigten Blick auf uns und unser Leben schauen.

Auf das eigene Leben aus einer anderen, ungewohnten Perspektive schauen, das könnte in diesen Tagen zum Bespiel auch bedeuten, einen rückblickenden Text über das zu schreiben, was uns heute widerfährt. Wie werden sie gewesen sein, diese ersten Corona-Monate? Damals, als wir dachten …

Ich freue mich auf Fragen, Hinweise, Anregungen und ich will es nicht leugnen: am allermeisten würde ich mich über ein paar echte „Heldengeschichten“ freuen!

12 Kommentare

  1. Lese grad Enquists Ein anderes Leben, also eine auktorial erzählte Antiheldengeschichte 😊
    Danke für die immer interessanten Blogbeiträge!
    Grüsse aus Zürich
    Richard

    1. Das lese ich auch grade und bin fasziniert, wie er von sich in der 3. Person erzählt und dabei seinen eigenen Namen nennt ohne romanhaft zu verschleiern. Wenn er zufrieden ist, weil ein Text/Buch ihm gut gelungen ist, spricht er in den Worten seines Lieblingssportreporters seiner Kindheit: Enquist hat eine ordentliche Leistung abgeliefert. Durch dieses Understatement ist dennoch sein Stolz und seine Begeisterung zu fühlen.

    2. Also Richard, da ich (wie du weißt) das Jull (www.jull.ch) und Deine/Eure Arbeit extrem schätze, freue ich mich natürlich schon sehr über die „immer sehr interessanten Blogbeiträge“ 😉 Und ja, das ist wirklich eine großartige Antiheldengeschichte! Auf bald!

  2. Liebe Jutta,
    auch wenn Autobiographie nicht mein Thema ist – ich finde diesen Beitrag (und viele andere von dir) wirklich klug und unterstreiche deinen Rat dreifach! Egal, was wir schreiben – die Fähigkeit ein Geschehen oder eine Person von verschiedenen Seiten zu betrachten, ist immer erforderlich, um mehrdimensionale Figuren zu schaffen. Warum sollten wir uns selbst versagen, was wir unseren Figuren gönnen?
    Lieben Gruß, Gudrun

  3. Diese Anregung verfängt bei mir unmittelbar. Mir fällt ein Kapitel meines Lebens ein, das zwar im Ergebnis „gescheitert“ ist, aber mutig war und mich letztendlich da hingeführt hat, wo ich hinwollte – nur dass es da, wie so oft, ganz anders aussah, als ich mir ursprünglich gedacht hatte.
    Ich will mich von Enquist anregen lassen, die Ereignisse als die Geschichte „einer anderen“ aufzuschreiben, die doch unverschleiert „ich“ bin.
    Danke Jutta, deine stetigen Impulse helfen mir, dranzubleiben

  4. Als Künstlerin spiele ich mit dem Selbstportrait in meinem Kalender-Selfie Projekt schon im dritten Jahr, es macht mir viel Freude, zu sehen, wie meine Form und meine Aussage sich in meinen Gesicht veröndert.
    Komm gut durch die Woche, liebe Grüße von Susanne

    1. Seltsam, im ersten Moment dachte ich, als ich deinen Kommentar las: Aber das ist doch etwas ganz anderes. Und seitdem geht mir die Frage immer wieder durch den Kopf wie nah, wie weit auseinander das Selbstportrait und das Schreiben über sich selbst sind. Ich glaube, ich muss da noch ein bisschen drauf rum kauen … Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!

Ich freue mich über Kommentare!

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