Tag 3: „Making Comics“ (Lynda Barry) oder: Tagebuch-Variationen

Viele Anregungen, die in meine Schreibwerkstätten eingeflossen sind, habe ich Kolleg:innen zu verdanken, die nicht schreiben – sondern zeichnen, malen oder schauspielen. Neben den konkreten Anregungen profitiere ich auch von dem damit immer verbundenen Perspektivenwechsel. In allen diesen Disziplinen bin ich Amateurin (also Liebhaberin) und kein Profi. In all diesen Disziplinen geht es mir (zumindest manchmal) so, wie es den Teilnehmer:innen meiner Werkstätten im Hinblick auf das Schreiben sehr oft ergeht: Ich habe das Gefühl, dass ich es nicht gut genug kann. Ich hätte gerne die einfache und zugleich ultimtativ erfolgreiche Anleitung, die aus mir innerhalb von Wochen (acht was sage ich, innerhalb von Tagen) eine veritable Zeichnerin oder Schauspielerin macht.

Das wunderbare Buch Making Comics verdanke ich einem Hinweis von Austin Kleon, dessen Blog, Newsletter und Büchern ich zahlreiche gute Tipps verdanke, die allgemein den kreativen Prozess betreffen. Making Comics bestellte ich mir, obwohl ich eigentlich kein großer Comic- (oder Graphic Novel)-Fan bin. Aber wer Comics schreibt, muss ja auch Geschichten erzählen, dachte ich mir und vielleicht kann ich von Lynda Barry etwas für meine Werkstätten lernen.

Das ist jetzt ein paar Monate her. Und was ist seitdem passiert? Ich habe angefangen Comics zu zeichnen. Manchmal mache ich Tagebucheinträge in Comicform. Es gibt wenige Bücher, die mir so viel Freude bereiten und mich zu so vielen Experimenten inspiriert haben, wie dieses Buch mit seinen zahlreichen Tipps, Vorschlägen und Anleitungen.

Ich möchte Lynda Barry Vorschlag für ein Daily Diary, also für ein Tagebuch, hier kurz vorstellen:

Ihr unterteilt die linke Seite einer Doppelseite in zwei Spalten. Jede Spalte unterteilt ihr dann noch einmal in etwa zwei Drittel oben und ein Drittel unten. Stellt Euch einen Timer und tragt in die linke obere Spalte 7 Dinge ein, die Ihr in den letzten 24 Stunden getan habt. Dafür habt Ihr 3 Minuten Zeit. Rechts tragt Ihr (ebenfalls in 3 Minuten) 7 Dinge ein, die Ihr gesehen habt. Links unten habt Ihr Platz für einen Satz, den Ihr jemanden sagen hörtet und rechts für eine Frage, die sich Euch im Zusammenhang mit dem Tag stellt (dafür habt Ihr jeweils 30 Sekunden Zeit).

Die rechte Seite unterteilt Ihr in zwei gleich große Hälften, in die obere zeichnet Ihr eine der aufgelisteten Szenerien der linken Seite. Dabei soll Euer Körper vollständig in der Zeichnung zu sehen sein und Ihr sollt gerade eine Handlung ausführen. Unten beschreibt Ihr diese Szenerie in der 1. Person und zwar im Präsens: „Ich komme in einen Raum und greife nach …“ Für die beiden Aufgaben auf der rechten Seite habt Ihr jeweils 5 Minuten Zeit.

 

Tipp 1: Versucht es!

Tipp 2: Versucht es genau so!

Tipp 3: Macht es ein paar Tage lang!

Natürlich könnt Ihr das Zeichnen auch von Anfang an weglassen. Ihr könnt die Zeiten verdoppeln oder ebenfalls weglassen. Ihr könnt (das schlägt Lynda Barry selbst später als Varianten vor ) statt auf Tage auf Wochen, Monate, Jahre oder Euer ganzes Leben zurückblicken. Ihr könnt wie immer auch alles verändern. Und es ist gut, wenn Ihr das macht, wenn Ihr experimentiert, wie Ihr eine Vorlage, eine Anregung für Euch passend machen könnt. Auch das gehört zum kreativen Prozess.

Was mir an dieser Übung wirklich sehr gut gefällt (außer dass sie mir große Freude bereitet): Dass sie unsere Aufmerksamkeit auf das lenkt, was wir sehen, was wir erleben, was wir hören. Es bereichert unsere Erzählungen sehr (ganz unabhängig davon, ob sie fiktiv oder autobiografisch sind), wenn wir uns darauf konzentrieren. Probiert es aus!

Und für diejenigen, die nicht am „Autobiographischen“ interessiert sind: Diese (und alle anderen Schreibanregungen) können wir ja immer auch für eine erdachte Figur ausführen. Was hat diese gesehen, getan, gehört?

Ich bin sehr gespannt, welche Erfahrungen Ihr macht!

19 Kommentare

  1. Hier kommt mein Beitrag:

    https://socopuk.wordpress.com/2020/03/26/lila-auf-lila/

    Vor der Übung hatte ich Bedenken, dass es zu sehr Richtung Bullet Journal geht – das wirkt mir oft zu selbstoptimiert. Das war dann aber gar nicht der Fall, bin froh dass ich mich drauf eingelassen habe!

    Mir ist auch erst beim Bearbeiten der linken Seite aufgefallen wie eintönig und relativ sinnes-reiz-los mein Tag war…

    Und erst beim Schreiben des Textes rechts unten sind die Bilder in mir angesprungen und die Wörter und Gedanken gesprudelt. Das geht mir oft so, Schreiben ist halt doch irgendwie „mein“ Medium 🙂

    Eine schöne Übung! Vielen Dank für die Impulse! Herzliche Grüße, Anna

    1. Ich danke dir sehr! Für das Teilen deiner Erfahrungen mit diesem Impuls (das ist für mich sehr interessant und für andere vermutlich ermutigend) und dann aber auch für diesen Text, der mir wirklich besonders gut gefällt! Mich interessiert an Texten eigentlich nicht so sehr, ob das „Ich“ ein fiktives oder ein eher reales ist, mich interessiert, ob mich etwas in die Erzählung hineinzieht und das ist hier sehr eindeutig der Fall! Ich mag die Weise, wie die Erzählerin auf sich und das, was sie da veranstaltet, blickt und ich mag den Ton, in dem sie dann erzählt sehr.
      Was die Rubriken „getan“ und „gesehen“ betrifft – da könnten die einzelnen Stichworte ruhig noch etwas konkreter werden (Paprika im Supermarkt oder im Backofen? Emails an wen?) Das hatte ich vergessen zu erwähnen, es geht da weniger um Vollständigkeit als darum, einzelne „Momente“ festzuhalten.

Ich freue mich über Kommentare!

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